BKL-Workshop Archiv
Workshop Klinische Linguistik 2003
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Abstracts


Agrammatismus
Marie Désirée Bothe (Bielefeld):
Empirische Untersuchung zur Modellierung syntaktischer Störungen
Agrammatismus und Paragrammatismus: Eine gemeinsam zugrundeliegende Störung?


Die syntaktischen Störungen Agrammatismus und Paragrammatismus lassen sich in einem lokal-konnektionistischen Modell (Schade, 1999) unter Berücksichtigung eines gemeinsamen, beiden Störungen zugrundeliegenden Defizits (Kolk & Heeschen, 1992) modellieren. Bei diesem Defizit handelt es sich um den Zustand der Hypoinhibition in den syntaktischen Schichten, was sich bei Paragrammatikern direkt in Form von Satzteilverschränkungen- und verdopplungen und falschen Flektionsendungen zeigt. Bei den Agrammatikern wird dieses paragrammatische Produktionsverhalten aufgrund des bei Broca-Aphasikern meist besser erhaltenen Sprachverständnisses von einer automatischen, unbewußt ablaufenden Adaptationsstrategie „überlagert“, was dann zu einem elliptischen Produktionsstil führt.

Wenn es sich um denselben Mechanismus handelt, der beiden Störungsbildern zugrunde liegt, ergibt sich die Hypothese, daß es möglich sein muß, in der Spontansprache agrammatisch produzierende Broca-Aphasiker in bestimmten Situationen dazu zu bringen, wieder verstärkt paragrammatisch zu prduzieren. Hierbei handelt es sich um Situationen, in denen aus pragmatischen Gründen telegrammstilartige Äußerungen kontraproduktiv wären. Der Produktionsstil der Agrammatiker sollte sich in diesen Situationen also nicht wesentlich von dem der Paragrammatiker unterscheiden.

Zur Überprüfung dieser Hypothese wurde in Anlehnung an Kolk & Heeschen (1992) und Höhle (1995) eine Untersuchung mit Agrammatikern, Paragrammatikern und Normsprechern durchgeführt. Durch Beantwortung von Fragen zu Bildmaterial sollten komplexe Nominalphrasen (Artikel, Adjektiv und Substantiv) im Nominativ und Dativ produziert werden. Hierbei sollten die bei Kolk & Heeschen (1992) und Höhle (1995) aufgetretenen methodologischen Probleme unter anderem durch einen Vortest zur Akzeptabilität von Substantiven der Deklinationsklasse „männlich schwach“ mit und ohne Flektionsendungen im Dativ Singular („dem Piloten“ vs. „dem Pilot“) vermieden werden.

Wie erwartet unterscheiden sich Agrammatiker und Paragrammatiker in ihren Leistungen nicht signifikant voneinander, weder im prozentualen Anteil falscher Antworten, noch in den einzelnen in der Testsituation zu realisierenden grammatikalischen Faktoren wie Kongruenz, Vollständigkeit, richtige Stellung etc.
Trotzdem herrscht bei den Agrammatikern eine viel größere Streuung hinsichtlich der Leistungen als bei den Paragrammatikern. Es scheint bei den Agrammatikern verschiedene Strategien zu geben.

Höhle, B. (1995). Aphasie und Sprachproduktion: Sprachstörungen bei Broca- und Wernicke-Aphasikern. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Kolk, H., & Heeschen, C. (1992). Agrammatism, paragrammatism and the management of language. Language and Cognitive Processes, 7, 89 – 129.

Schade, U. (1999). Konnektionistische Sprachproduktion. Wiesbaden: DUV.

Kontakt:
Marie Désirée Bothe
Universität Bielefeld
Berlinerstr. 9
Bad Salzuflen
Tel.: 05222 82215
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