BKL-Workshop Archiv
Workshop Klinische Linguistik 2003
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Abstracts


Freie Themen
Ernst de Langen (Bad Griesbach):
Sprache und Zeit


Wenn wir Sprache als physikalisches Signal betrachten, wird uns insbesondere die zeitliche Ausdehnung dieses Signals und die chronologische Reihenfolge der darin enthaltenen Elemente bewußt. Sowohl der Produktion als auch der Perzeption von Sprache liegen zeitliche Mechanismen zugrunde, die ein geordnetes sequentielles Handeln im Millisekundenbereich ermöglichen. Dies gilt insbesondere für die Lautsprache, aber auch beim Lesen ist eine rasche sequentielle Verarbeitung neben einer Parallelverarbeitung erforderlich. Andere sprachliche Leistungen, wie zum Beispiel das Schreiben, erfordern Arbeitsgedächtnisleistungen, die ebenfalls zeitkritisch sind, denn diese temporäre Informationen werden – im physiologischen Fall – phasenweise aktiviert und inhibiert. Schließlich gibt es ereigniskorrelierte oszillatorische Prozesse, die die Kohärenz von räumlich distribuierter synchroner Hirnaktivität und damit das Zustandekommen komplexer sprachlicher Prozesse erklären könnten.

Lange Zeit interessierte sich die Zeitforschung überwiegend für aphasische Patienten, in den letzten Jahren wurden jedoch insbesondere sowohl Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen als auch mit Entwicklungsdyslexie in Hinblick auf mögliche Veränderungen bei der Produktion und vor allem der Perzeption zeitlicher Strukturen untersucht. Hier sind auch die Untersuchungen von Bedeutung, die nach möglichen assoziierten Defiziten suchen und störungsübergreifende Erklärungen anbieten.

Der Vortrag will eine Übersicht über die aktuellen zeitrelevanten Forschungsparadigmen geben, die zur Zeit in der Untersuchung gestörter Sprache bei Kindern und Erwachsenen eine Rolle spielen. Dabei wird auch auf die vermuteten neuroanatomische Substrate eingegangen. Hier werden insbesondere die magnozellulären Bahnen und das Cerebellum diskutiert. Aus neuroanatomisch-neurophysiologischer Sicht wird hier weniger die Auswirkung fokaler Schädigungen, sondern vielmehr die Bedeutung einer – pathologisch – veränderten Arbeitsweise des Gehirns in den Vordergrund gestellt.

Kontakt:
PD Dr. Ernst G. de Langen
Klinikum Passauer Wolf, Bad Griesbach
Abteilung Sprachtherapie
Klinikum Passauer Wolf
Bgm.-Hartl-Platz 1
94086 Bad Griesbach
Tel.: 08532 271706, 274702
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