BKL-Workshop Archiv
Workshop Klinische Linguistik 2003
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Abstracts


Gebärdensprache
Sandra Lintz, Ludwig Jäger, Walter Huber (Aachen):
Produktive Schriftsprachkompetenz von Hörgeschädigten


Aufgrund der besonderen Spracherwerbs- und Bildungssituation Gehörloser haben die meisten von ihnen ein Schriftsprachkompetenzniveau, das deutlich unter dem Hörender liegt (vgl. z.B. Wisch, 1990). Für den deutschsprachigen Raum liegen wenig neuere Untersuchungen vor, die sich mit einer detaillierten Fehleranalyse frei produzierter Texte Gehörloser befassen (vgl. Krausmann, 1998 und Vollmann, 1999).

Ziel und Methode
Im vorliegenden Dissertationsprojekt werden von jugendlichen und erwachsenen Hörgeschädigten verfasste Briefe ausgewertet. Aufgrund der noch wenig erforschten Kompetenzen deutscher Gehörloser bezüglich der freien Textproduktion erfolgt zunächst eine deskriptive linguistische Analyse, die alle orthographischen, morphologischen und syntaktischen Besonderheiten sowie Besonderheiten im Wortschatz erfasst. Im Mittelpunkt des Interesses steht ein Vergleich der Leistungen Gehörloser der ersten und der zweiten Generation.

Hypothesen
Es ist zu erwarten, dass bei Gehörlosen eine geringere Vertrautheit mit Schrift vorliegt als bei Hörenden und sich dies in frei produzierten Texten niederschlägt. Es ist anzunehmen, dass Gehörlose der zweiten Generation aufgrund des frühen Erwerbs der Gebärdensprache beim Lernen der Schriftsprache auf ein bereits vorhandenes Wissen über Sprache aufbauen können, so dass sie komplexere Strukturen beherrschen als Gehörlose der ersten Generation und insgesamt eine größere Motivation zum Umgang mit Texten aufweisen. Da bei einigen Zweitsprachlernern Interferenzen aus der Erstsprache zu finden sind, ist zu vermuten, dass in Texten von Gebärdensprechern Interferenzen aus der Gebärdensprache auftreten.

Vorläufige Ergebnisse
1. In den bisherigen Testergebnissen zeigt sich, dass eine bessere Schulbildung und eine geringere Hörschädigung eine geringere Fehlerzahl beim freien Schreiben mit sich bringen. Die häufigsten Fehler finden sich bei der Deklination, bei der Rechtschreibung und beim Einsatz von Präpositionen.
2. Es zeigen sich Einflüsse der Gebärdensprache auf die Syntax der Schriftsprache aber auch auf die Auswahl der Lexeme; es finden sich Auffälligkeiten bei sprechaktindizierenden Sätzen („Ich frage dich...“). Die Interferenzen variieren offenbar in Abhängigkeit von den Einflussfaktoren Hörstatus und Hörstatus der Eltern.
3. In den Briefen einiger Gehörloser sind Indizien der Nichtliteralität zu finden, was vermutlich auf mangelnde Vertrautheit mit Schriftmedien zurückzuführen ist.
4. Gehörlose der zweiten Generation produzieren mehr Sätze/Phrasen mit mehr Types/Tokens. Der Hörstatus der Eltern und die damit einhergehende Inputsprache haben also offensichtlich Einfluss auf die Länge frei produzierter Texte und die Wortschatzkenntnisse von Gehörlosen.
5. Es zeigt sich eine Tendenz dahingehend, daß Gehörlose der zweiten Generation komplexere Sätze bilden. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass ein früher Erwerb der Gebärdensprache den kreativen Umgang mit Schrift fördert.

Literatur
Krausmann, Beate: „anders, nicht selten sehr eigenwillig“ – Schriftsprachliche Kommunikation erwachsener Gehörloser zwi-schen Normverstößen und Selbstbewußtsein (Teil I und II). In: Das Zeichen 46/98, 581-590 und Das Zeichen 47/99, 68-75
Vollmann, Ralf: Bericht über die Analyse schriftsprachlicher Texte österreichischer Gehörloser (BFG- und GLA-Faxanalyse). Projektbericht SMILE. http://www-ang.kfunigraz.ac.at/~vollmann/Fax/home.html, 1999
Wisch, F.-H.: Lautsprache UND Gebärdensprache. Die Wende zur Zweisprachigkeit in Erziehung und Bildung Gehörloser (Internationale Arbeiten zur Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Bd. 17). Hamburg: Signum 1990

Kontakt:
Sandra Lintz
sandralintz@gmx.de