BKL-Workshop Archiv
Workshop Klinische Linguistik 2003
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Abstracts


Gebärdensprache
Juliane Klann, Frank Kastrau, Walter Huber (Aachen):
Verarbeitung transparenter und nicht-transparenter Gebärdenzeichen: eine funktionelle Bildgebungsstudie


Hintergrund: Linguistische Studien erbrachten zahlreiche Nachweise dafür, dass Gebärdensprachen wie Lautsprachen über ein grammatisches Regelsystem verfügen [1]. Im Unterschied zur oral-auditiven Modalität der Lautsprachen bedienen sich Gebärdensprachen der visuell-gestischen bzw. visuell-räumlichen Modalität. Dieser Unterschied in der primären Modalität zweier natürlicher Sprachtypen eröffnet der neurowissenschaftlichen Sprachforschung neue Perspektiven bei der Klärung der Frage, ob die cerebrale Repräsentation von Sprache multi- oder supramodal organisiert ist.
Die Ergebnisse empirischer Studien belegen eine Linkslateralisierung der Gebärdensprachverarbeitung mit Beteiligung der klassischen Sprachregionen und sprechen damit für eine gemeinsame Repräsentation laut-, schrift- und gebärdensprachlicher Funktionen [2], [3]. Vielfach wurde aus den Ergebnissen die Hypothese eines gemeinsamen zugrundeliegenden neuronalen Substrats für Laut- bzw. Schrift- und Gebärdensprache abgeleitet und damit eine supramodale Repräsentation sprachlicher Funktionen impliziert [2]. Sprachwissenschaftliche Analysen ergaben jedoch strukturelle Unterschiede zwischen Laut- bzw. Schrift- und Gebärdensprachen [1], aufgrund derer die Annahme einer zumindest teilweise separaten cerebralen Repräsentation der Gebärdensprache plausibel erscheint. Dabei sind zwei wesentliche Besonderheiten hervorzuheben:

• Gebärdensprachen nutzen den dreidimensionalen Raum als grammatisches Ausdrucksmittel
• Gebärdensprachen verfügen über Zeichen, die in ihrer äußeren Form einen Teil des durch sie bezeichneten Inhalts widerspiegeln (Transparenz)

Während die Untersuchung der räumlichen Komponente und die damit verbundene Annnahme einer möglichen Beteiligung der rechten Hemisphäre an der Gebärdensprachverarbeitung heute einen großen Teilbereich der neurowissenschaftlichen Gebärdensprachforschung bildet [4], blieb die Eigenschaft der Transparenz in Aktivierungsstudien bisher unberücksichtigt. Die Besonderheit der Transparenz als Eigenschaft von Gebärdensprachen legt die Annahme unterschiedlicher Sprachverständnismechanismen auf sprachlich-konzeptueller Ebene nahe, z.B. eine rein bildlich-konzeptuelle Analyse transparenter Gebärden („visual imagery“). Dies müsste sich in einer spezifischen Lokalisation innerhalb des parieto-okzipitalen Netzwerks der visual imagery Funktionen zeigen.

Ziel: Das Ziel unserer Studie ist es, mittels funktioneller Bildgebung zu untersuchen, ob die transparente und nicht-transparente Gebärden in unterschiedlichen Netzwerken verarbeitet werden. Damit soll die Untersuchung einen Beitrag innerhalb der Debatte um die Modalitätsabhängigkeit sprachlicher Repräsentationen leisten.

Hypothese: Nicht-transparente Gebärden werden lexikalisch verarbeitet, während transparente Gebärden bildlich-konzeptuell verarbeitet werden. Wir erwarten daher für die Rezeption nicht-transparenter eine spezifische Aktivierung des lexikalischen Netzwerks, insbesondere des Wernicke-Areals (BA 22) und im Gegensatz dazu für die Verarbeitung transparenter Gebärden Aktivierungen im parieto-okzipitalen Netzwerk des visual imagery.

Literatur:
[1] Boyes Braem P (21995): Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung. Hamburg: Signum.
[2] Rönnberg J, Söderfeldt B, Risberg J (2000): The cognitive neuroscience of sign language. Acta Psychologica 105: 237-254.
[3] Poizner G, Klima ES, Bellugi U (1987). What the hands reveal about the brain. Cambridge: MIT Press.
[4] Emmorey K, Corina D (1993): Hemispheric specialization for ASL signs and english words: Differences between imageable and abstract forms. Neuropsychologia 31 (7): 645-653.

Kontakt:
Juliane Klann, M.A.
RWTH Aachen
Neurologie - Neurolinguistik
Pauwelstr. 30
D-52074 Aachen
Tel.: 0241 80 89825
Fax: 0241 80 82598
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