BKL-Workshop Archiv
Workshop Klinische Linguistik 2003
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Abstracts


Sprachentwicklung
Sonja Boes (Mainz):
Sprache hörgestörter Kinder: Wortprosodie


Hintergrund
Prosodieinformation spielt im unbeeinträchtigten Spracherwerb eine wichtige Rolle (Jusczyk 1999, Morgan 1996). Sie organisiert die gesprochene Sprache in rhythmische Einheiten und bietet dem prälingualen Kind somit eine Hilfestellung beim Segmentieren des kontinuierlichen Sprachsignals. Akustisch wird die Prosodieinformation mittels dreier Signaleigenschaften, nämlich Dauer, Schalldruckpegel und Grundfrequenz, markiert (Dogil 1999).
Verschiedene Studien zur Sprache hörgestörter Kinder haben gezeigt, dass eine persistierende Hörstörung zu Sprachbeeinträchtigungen führen kann. Zu diesen gehören unter anderem ein eingeschränkter Wortschatzumfang, mangelnde Kenntnisse syntaktischer Regeln sowie eine beeinträchtigte Artikulation (z.B. Kiese-Himmel 1999). Über die Wortprosodie hörgestörter Kinder weiß man bisher jedoch noch wenig. Ziel der vorliegenden Studie ist es somit, die Auswirkungen einer Hörbeeinträchtigung auf die Wortprosodie zu untersuchen.

Methode
An der Studie nahmen elf Kinder mit einer prälingualen beidseitigen Innenohrschwerhörigkeit unterschiedlichen Grades ohne weitere Beeinträchtigungen sowie sechs unbeeinträchtigte Kinder im Alter von 3;00 bis 5;00 Jahren aus monolingualen deutschsprachigen Elternhäusern teil. Die Kinder benannten 30 bekannte bildlich dargestellte Wörter, die sich in der Wortstruktur und der Wortlänge unterscheiden.
Die aufgenommenen Daten wurden sowohl perzeptiv als auch phonologisch und akustisch analysiert. Die perzeptive Analyse bestand aus einem Hörtest, in dem fünf geschulte Hörer die Platzierung der Wortbetonung beurteilten. Für die phonologische Analyse wurde die Wort- und Silbenstruktur der Wörter ausgewertet. Mittels der akustischen Analyse wurden die drei Signaleigenschaften, die die Wortbetonung markieren, untersucht.

Vorläufige Ergebnisse
1. Die Ergebnisse des Beurteilungstests zeigen, dass hörgestörte Kinder in zwei Dritteln der Fälle die richtige Silbe betonen. Allerdings nimmt die Richtigkeit der Betonung mit zunehmender Silbenanzahl und mit komplexerer Silbenstruktur ab.
2. Die bisherige Untersuchung der Wort- und Silbenstruktur ergab, dass sich ca. ein Drittel der Wörter vom erwachsenen Modell unterscheidet. Es handelt sich in diesen Fällen jedoch nicht um Abweichungen, sondern lediglich um Vereinfachungen, wie sie auch aus dem normalen Spracherwerb bekannt sind (z.B. NAne für baNAne).
3. Akustisch scheinen hörgestörte Kinder die Wortbetonung vorwiegend mit einem Signal, nämlich einer längeren Dauer zu markieren. Unbeeinträchtigte Kinder hingegen scheinen betonte von unbetonten Silben zusätzlich mit einem Anstieg der Grundfrequenz und des Schalldruckpegels zu unterscheiden.

Literatur
Dogil, G. 1999. The Phonetic Manifestation of Word Stress in Lithuanian, Polish and German and Spanish. In: Hulst, Harry van der. Word Prosodic Systems in the Languages of Europe. Berlin, New York: Mouton de Gruyter: 273-311.
Jusczyk, P.W., Houston, D., Newsome, M. 1999. The beginnings of word segmentation in English-learning infants. Cognitive Psychology 39: 159-205.
Kiese-Himmel, C. 1999. Hörgestörte Kinder und ihr Spracherwerb: Eine empirische Analyse. Heidelberg: Median Verlag von Killisch-Horn GmbH.
Morgan, L.M. 1996. Prosody and the roots of parsing. Language and Cognitive Processes 11(1/2): 69-106.

Kontakt:
Sonja Boes
Institut für Linguistik
Universität Potsdam
privat:
Nd.-Ramstaedter-Str. 51
D-64283 Darmstadt
Tel.: 06151 420669
boes@ling.uni-potsdam.de